Tiny House in Emmen zu sehen

21 jan 2020

Tiny House in Emmen zu sehen (Aktuelles)

Text & Fotos: Pierre Gielen, Agro&Chemie 

Kann man ein modernes Haus ohne Holz-, Beton- oder Stahlkonstruktionen bauen? In Emmen zeigt man, dass dies möglich ist. Im September wurde dort ein Tiny House vorgestellt, das vollständig aus Biokompositen aus landwirtschaftlichen Produkten, Restströmen und Recyclingmaterialien gebaut wurde. "Es sind noch einige Nägel und Schrauben drin, aber ansonsten ist das Tiny House komplett biobasiert", sagt Daan van Rooijen, Dozent an der NHL Stenden. „Der Landwirt stellt die Fasern und den Kunststoff her, da wollen wir hin".
Neue Materialien werden unter anderem deshalb benötigt, weil die wachsende Weltbevölkerung und die großen CO2-Emissionen der Bauindustrie das Klima stark belasten. Die Folge sind Entwaldung, Klimawandel und eine rapide abnehmende Biodiversität. „Wir denken, dass es möglich sein sollte, die Dinge anders zu machen, mit viel weniger Rohstoffen und ohne die natürlichen Wälder zu schädigen."

Neue Technik


Im Tiny House wurden beispielsweise isolierende Sandwichpaneelen mit Bio-PUR, Extrusionsprofile mit Papier und konstruktive Pultrusionsprofile mit Naturfasern und 100% Bio-Harz eingesetzt. Das größte Teil der verwendeten Materialien ist eine einteilige Dachplatte von Fiby in Emmen. "Das ist ein typisches Beispiel dafür, was man mit Kompositen machen kann, um mehrere Funktionen zu integrieren", sagt Forscher Rik Brouwer vom Innovationszentrum Green PAC, einer Kooperation zwischen NHL Stenden und Windesheim. "Wir haben eine neue Technik namens Vakuuminjektion verwendet. Dabei werden alle Materialien auf eine Schaumstoffplatte gelegt, in Folie eingewickelt, abgesaugt und das Harz zugefügt. So entsteht eine Sandwichpaneele, welche die komplette Dachkonstruktion, die Wärmedämmung und die Rinnenprofile in einem Arbeitsgang enthält". Papier spielt auch als besonderer Baustoff eine besondere Rolle. Beispielsweise wird bei den Sandwichpaneelen von Everuse Recyclingpapier als Isolierung verwendet. Der Naturfaserexperte Millvision aus Raamsdonksveer entwickelte zusammen mit der deutschen Firma Naftex Extrusionsprofile für die Fensterrahmen, die aus Papier in Kombination mit Bio-Harz bestehen. Naftex entwickelte auch die Rahmenkonstruktion und die Böden des Tiny House. In Zusammenarbeit mit dem Faser Institut Bremen (FIBRE) entwickelte Millvision außerdem Sandwich-Paneelen, bei denen Papier als Hauptplatte fungiert. Das Ergebnis ist eine funktionelle Platte für den Innenbereich, die auch noch schön ist. „Mit Naturfasern kann man ein schönes Design schaffen", sagt Millvision-Geschäftsführer Harm Jan Thiewes.



Serienproduktion

Die für das Tiny House entwickelten Techniken sind alle für die Serienproduktion im Wohnungsbau geeignet. Dies war auch einer der Ausgangspunkte des Interreg VA-Projekts "Bioökonomie im Non-Food-Sektor". Die Eignung der Materialien für den Wohnungsbau soll nicht nur durch Messungen und Laborversuche, sondern auch in der Praxis getestet werden. Deshalb musste das Tiny House gebaut werden. In diesem Fall von Schülern der NHL Stenden, des Drenthe College und des Hondsrug College unter der Leitung von Henk Loves von der Firma BioFrame/Kuipers & Koers Bouw. Er ist begeistert von der Zusammenarbeit: "Wenn ich von jungen Leuten Bemerkungen wie 'Ich lerne an einem Tag in Ihrer Firma mehr als an fünf Tagen in der Schule', weiß ich, dass wir etwas Schönes erreicht haben." Loves nennt das Projekt eine Entdeckungsreise, die noch nicht beendet ist. „Für mich ist die Eröffnung des Tiny House der Beginn eines ganz neuen Prozesses, des Biobasierten Bauens 2.0, um zu sehen, wie wir noch mehr mit biobasierten Materialien aus der Region arbeiten und ein Produkt herstellen können, das auf dem Markt erfolgreich ist. Dabei müssen wir die Zusammenarbeit mit deutschen Unternehmen noch stärker als bisher intensivieren und uns um die Einbindung der Behörden bemühen. Dazu möchte ich mich gerne verpflichten."

Innovation

„Was Sie hier sehen, ist nicht das Ende, sondern der Beginn neuer Innovationen", betont Karel Groen, Geschäftsführer der Ems Dollart Region (EDR): „Wir befinden uns hier in der größten deutsch-niederländischen Grenzregion mit einer Fläche von 20.000 Quadratmetern. Aber es ist auch ein dünn besiedeltes Gebiet mit wenigen großen Städten. Es ist oft schwierig, einander über die Grenze zu finden, wegen der Entfernungen, aber auch weil wir oft wenig voneinander wissen. Wir hoffen daher, dass sich immer mehr Unternehmen und Wissensinstitutionen über die Grenzen hinweg in solchen Projekten vernetzen und zusammenarbeiten. Weil es auf beiden Seiten der Grenze viel Wissen gibt; wir müssen nicht alles von weit herholen. Ich hoffe, dass alle weiter daran arbeiten wollen und dass wir immer mehr Menschen für die Chancen dieser Grenzregion begeistern, damit wir wirklich eine Wachstumsregion sind."

Quelle: Agro&Chemie (www.agro-chemie.nl / www.agro-chemistry.com)

Nachhaltig für das Klima

Der Bau des Tiny House war der Abschluss des Projekts "Biobasierter Wohnungsbau", Teil des EDR-Dachprogramms "Bioökonomie im Non-Food-Sektor". Insgesamt wurden 7,7 Millionen Euro in verschiedene kleine und größere Projekte zur Entwicklung von biobasierten Materialien investiert, die zu einer nachhaltigen Wirtschaft und zum Klimaschutz beitragen. Rund 70 Unternehmen und Wissenseinrichtungen waren beteiligt. Das Projekt wurde im Rahmen des Programms INTERREG V A Deutschland-Nederland mit Mitteln des Europäischen Fonds für regionale Entwicklung (EFRE) gefördert. Das Projekt wurde vom Wirtschaftsministerium, den Provinzen Drenthe, Flevoland, Friesland, Gelderland, Groningen, Noord-Brabant und Overijssel sowie vom Land Niedersachsen kofinanziert.


Blick in die Zukunft 

Wie fanden die Studenten den Bau des Tiny House? „Es hat mir wirklich gefallen, etwas Greifbares zu bauen", sagt Bas, Student am Drenthe College. „Es war interessant zu sehen, was beim Bau passiert und was wir in Zukunft mit den verschiedenen Baustoffen, wie den Biokompositen, dem Bio-Harz und dem Bio-PUR, machen können." Liesbeth Horsman, Projektleiterin Technik & Innovation am Drenthe College, wünscht sich eine Fortsetzung des Projekts. „Ich fordere alle, auch die Studenten, auf, Ideen zu entwickeln: Entwickeln Sie ein Tiny House 2.0 und schauen Sie über die Standard-Baumaterialien hinaus. Finden Sie etwas Neues und fordern Sie sich selbst heraus!"

Projektpartner:
- GreenPAC / NHL Stenden
- Naftex (biobasierte Extrusionsprofile)
- Hempflax (Naturfasern)
- FIBRE -  Faser Institut Bremen (Naturfasern)
- Coldenhove Papier (Papierproduzent)
- Millvision (neue Papiertechnologie, Herstellung von Fensterrahmen)
- KIEM Sustainable Innovations (Produktentwicklung, Marktentwicklung, Vorentwurf)
- Kuipers & Koers Bouw (Projektleitung und Realisation des Baus)
- Plantics (100%-biobasieter Harz)
- Everuse (Isolationsmaterial auf Basis van recyceltem Papier)
- SIP Construct (Sandwichpaneelen)
- Fiby Products (Komposit-Produkte) 
- Hondsrug College (Schulgemeinschaft für höheren Unterricht)
- Drenthe College (Berufsschule und Ausbildungszentrum)